EIN HAUS AUS DEM VORLETZTEN JAHRHUNDERT... zusammengetragen von Annemarie Schmid |
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Das Haus Lindenstrasse 6 wurde 1895 von Baumeister Otto Suter erbaut und war vier Stockwerke hoch. Die Lindenstrasse reichte nur bis Nr.10, anschliessend folgte ein grosser Obstgarten mit Hühnerhof und Kaninchenställen, der sich bis an die Linie der Brünigbahn erstreckte. Es gab noch keine Ulmen- und Eschenstrasse. Auf einem Stadtplan aus dem Jahre 1901 sind an der Lindenstrasse erst die Häuser Nr.4, 6, 8 und 10 eingezeichnet. Die Pauluskirche wurde erst 1912 erbaut. |
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Südlich unserer Häuserreihe hatte 1863 der berühmte Kunstmaler Robert Zünd (1827-1909) ein herrschaftliches Landhaus gebaut. Es ist das heutige von einer schönen Baumgruppe umgebene Pfarrhaus der Pauluspfarrei. Die prächtigen Ulmen sind wahrscheinlich von Robert Zünd selber gepflanzt worden. Zu diesem Landhaus gehörte ein grosses, als Wiesland genutztes Grundstück, das gegen Osten von einer Reihe stattlicher Eichen abgegrenzt wurde. Eine dieser sogenannten Grenzeichen steht heute noch und ist über 200 Jahre alt. |
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Unser Haus wechselte mehrmals den Besitzer. 1906 hat es die damalige Besitzerin Rosalie Hodel an Josef Elsiger verkauft. 1909 hat der neue Eigentümer ein in jener Zeit kühnes Aufbauprojekt realisiert. Das ganze Dach samt Estrich wurde zerlegt und abmontiert, um eine zusätzliche, aus 4 Zimmern bestehende Mansardenwohnung auf das oberste Stockwerk aufzubauen. |
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Am 29. Juli 1914 verkaufte Josef Elmiger das Haus an meinen Vater, Alois Schmid. |
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| Er zog mit seiner jungen Frau Elise Schmid-Hochstrasser und den beiden Söhnen Alois (geb. 1909) und Ruedi (geb. 1911) im 2. Stock ein. 1918 wurde ich geboren. Das Haus sollte nun 76 Jahre im Besitz der Familie Schmid bleiben. |
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SO LEBTE MAN AN DER LINDENSTRASSE IN DEN ERSTEN JAHRZEHNTEN DES 20. JAHRHUNDERTS |
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| In der Stube und in einigen Schlafzimmern stand je ein kleiner, freistehender Kachelofen. Mittelpunkt der geräumigen Küche war der gute alte Holz-Kochherd. Doch schon bald konnte mit Gas gekocht werden. Natürlich floss damals kein heisses Wasser aus den Hahnen, und es gab keine Badewanne und keine Zentralheizung. Ich erinnere mich gut, wie wir Kinder am Abend des grossen Waschtages, d h. alle 5 Wochen, in einem grossen hölzernen Zuber, der in der Waschküche stand, baden durften (mussten?). An diesem Tag hat der mit Holz geheizte Waschhafen heisses Wasser geliefert. Der Alltag wurde von der Hausfrau ohne Waschmaschine und Kühlschrank bewältigt. Man lebte auch ohne Radio und ohne Fernseher. Ganz selten war in einem Privathaus ein Telefon installiert. Immerhin verfügte man schon über elektrisches Licht, einen Wasseranschluss auf jedem Stockwerk, eine Abwasserleitung und ... ja, es gab schon damals eine städtische Kehrichtabfuhr. Der Haushaltabfall wurde drei mal pro Woche mit Ross und Wagen abgeholt. | ![]() |
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ANPASSUNG AN DIE NEUE ZEIT |
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| Dass sich mein Vater, Alois Schmid, geb.1879, in Baufragen sehr gut auskannte, war beruflich bedingt. Nach einem Architektur-Studium am Technikum Burgdorf und einem Studienaufenthalt in Rom war er als Adjunkt des Kantonsbaumeisters im Kantonalen Baudepartement tätig. Er machte sich nun daran, das Haus nach eigenen Plänen sukzessive zu modernisieren. Diese Umbauten führte er jeweils in eigener Regie durch. Nachdem er die Pläne erstellt hatte, suchte er die entsprechenden Handwerker, um die Arbeiten auszuführen. Damals war der Verdienst eines kantonalen Beamten knapp bemessen. Dafür hatte mein Vater eine sichere Anstellung mit Pensionsberechtigung, was in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit war. So konnte nur dann investiert werden, wenn wieder etwas Erspartes vorhanden war. Deshalb kam nur alle paar Jahre eine der 5 Wohnungen zur Sanierung an die Reihe. |
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WIE KINDER SICH DAMALS VERGNÜGTEN |
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DER TOD KLOPFT AN |
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| 1924 starb mein Bruder Ruedi erst 13-jährig an den Folgen einer Angina. Damals wurden die Toten meist im Sterbezimmer aufgebahrt. Unsere Familie war von der Anteilnahme aller Quartierbewohner sehr beeindruckt.
Für uns Kinder aus den beiden Familien Schmid-Hochstrasser und Grüter-Hochstrasser war es eine Freude, als unser Grossvater Alois Hochstrasser (1852 - 1933) in seinen alten Tagen aus dem Geschäftshaus "zum Baslertor" zu uns zog. Er wohnte bei der Familie seiner Tochter Josy Grüter und hat uns Kindern das Jassen beigebracht Als ihn eine schwere Alterskrankheit befiel, pflegten ihn seine beiden Töchter - neben all ihren Haus- und Familienpflichten - in Liebe und Geduld bis zu seinem Tod. |
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GEFÄHRDETE IDYLLE |
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| 1927 schien die Idylle in unserem Quartier gefährdet. Die Erben von Kunstmaler Robert Zünd wollten nämlich den Streifen Land, der an unsere südlichen Vorgärten grenzt, als Bauland verkaufen. Über kurz oder lang wäre dann eine zweite, parallel zur Lindenstrasse verlaufende Häuserzeile entstanden. Mein Vater besprach die Situation mit den betroffenen Hausbesitzern und konnte schliesslich jeden von ihnen überzeugen, das seinem Grundstück vorgelagerte Land zu erwerben. So wurden die 5 Parzellen mit gegenseitigem Bauverbot belegt und ins städtische Grundbuchamt eingetragen. Über viele Jahre hinweg wurde dann dieses Land samt anstossendem Kirchgemeindeland einem Gärtnermeister verpachtet. Es folgten sich die Gärtner Sommerhalder, Breitenmoser und Stirnimann. |
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DIE ZEIT DES 2. WELTKRIEGES |
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| 1940 starb mein Vater, erst 61 Jahre alt, und das Haus ging in Erbengemeinschaft an Sohn Alois und Tochter Annemarie über. Es war die Zeit des 2. Weltkrieges, und die dienstpflichtigen Hausbewohner waren über Wochen und Monate im Aktiv-Dienst. So wurde das Haus die meiste Zeit von Frauenhand "regiert". Elise Schmid und ihre Schwester, Josy Grüter, sorgten Abend für Abend für die Einhaltung der vorgeschriebenen Verdunkelung, trafen Massnahmen für den Luftschutz, regelten die Mieterwechsel, ordneten Renovationen an und besorgten das Hausgärtchen. | ||||||||
Ueber viele Jahre (fast bis zum Tode meiner Mutter im Jahre 1964) stapelten sich im Estrich eine ganze Reihe sogenannter Säuglingskörbe mit einer Bébéaussteuer. Bedürftige Wöchnerinnen - solche gab es viele in der 1. Hälfte unseres Jahrhunderts - wurden durch die Hebamme, den Arzt oder den Pfarrer an meine Mutter verwiesen. Bei ihr konnten sich dann die Eltern eine solche Säuglingsausstattung für ein Jahr leihen. Nach der Rückgabe sorgte eine "Nähstube" (Frauen aus der Pfarrei) für die nötigen Flickarbeiten und Ergänzungen. |
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NEUERUNGEN IM GANZEN HAUS |
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| Seit den 50er-Jahren gab es im ganzen Haus immer wieder Neuerungen. So wurde 1952/53 die Zentralheizung, mit Oeltank im Garten, eingebaut. 1960 wurde eine Waschmaschine installiert. 1973 hat man den undicht gewordenen Öltank abgeschätzt, und in der Folge haben wir auf Gasheizung umgestellt. 1964 konnte ich die Südseite der Mansarden-Etage nach den Plänen von Architekt Paul Birve zu einer 2 1/2-Zimmer-Wohnung ausbauen lassen. 1976 folgte ein Um- und Ausbau des 2. Stockes, wo mein Bruder Alois Schmid und seine Frau Anny Schmid-Affolter Einzug hielten. Sie wohnten dort bis zum Tod von Alois Schmid im Jahre 1991. | ||||||||
GÄSTE VON NAH UND FERN |
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| Es würde zu weit führen und wäre wohl auch nicht möglich, hier alle Personen aufzuzählen, die im Laufe der l00 Jahre im Haus zu Gaste waren. Leute aus aller Herren Ländern haben für kürzere oder längere Zeit hier gewohnt. Besonders erwähnen möchte ich Else Meilvang (heute Kjeldsen) aus Dänemark, die kurz nach dem Krieg in der See-Apotheke am Kapellplatz als junge Pharmazeutin arbeitete und fast zwei Jahre lang als Untermieterin bei meiner Tante Maria Schmid wohnte. Daraus hat sich eine lebenslange Freundschaft ergeben, und erst vor kurzem weilte Frau Kjeldsen wieder für ein paar Tage in Luzern. | ||||||||
IM "LINDE-SÄCHSI" WURDE NICHT NUR GEWOHNT |
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| Während zehn Jahren, von 1981-91, diente die Parterre-Wohnung einem halb-öffentlichen Zweck: nach meiner Pensionierung hatte ich dort eine Kinder-Werkstube eröffnet, wo an den schulfreien Mittwoch-Nachmittagen Primarschulkinder von Oktober bis Ostern willkommen waren. Ich hatte das Glück, tüchtige Mitarbeiter/innen für die Idee zu gewinnen. Es war eine Freude, zu sehen, wie fünfzehn, ja zwanzig Kinder in diesen Räumen werkten, bastelten, musizierten, kochten, töpferten und Theater spielten. In den zwei kleinen Südzimmern, die für die Werkstube nicht benötigt wurden, wohnten in wechselnder Reihenfolge Katechetik-Studentinnen, Krankenpflege-Schülerinnen oder Musikstudenten. Sie alle waren froh um billigen Wohnraum. Die Werkstube wurde kurzerhand "Linde-Sächsi" getauft, und unter diesem Namen lebt das Haus jetzt weiter. | ||||||||
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NEUES LEBEN KOMMT INS HAUS |
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| 1990 zahlte ich meinem Bruder Alois seinen Haus-Anteil aus, war während eines halben Jahres alleinige Eigentümerin und verkaufte das Haus am 31.Dez.1990 der WOGENO.
Bald zogen drei junge Familien mit insgesamt 5 Kleinkindern in die alten Gemäuer. Mit dem heutigen Datum übergebe ich diese Geschichte an unsere Hausgemeinschaft und hoffe, dass sie später von der nachfolgenden Generation weitergeschrieben wird. |
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viel Glück im Linde-Sächsi! viel Freud im Linde-Sächsi! händ Sorg zom Linde-Sächsi! |
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| Luzern, den 29.Juni 1996
Mitarbeiter: |
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elektrisch zusammengesetzt..: www.zer.ch info@zer.ch |
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